Implementierung | Tesla Model Y (‚Halten‘) | Hyundai Ioniq 5 (‚i-Pedal‘) | VW ID.4 (‚B-Modus‘) | BMW i4 (‚B-Modus‘) |
|---|---|---|---|---|
Verzögerung bis Stillstand | Ja, sehr konsequent | Ja, sehr sanft und gut dosierbar | Nein, kriecht am Ende | Ja, sehr effektiv |
Einstellbarkeit der Stärke | Nein (fest eingestellt) | Ja (mehrere Stufen + Auto-Modus) | Nein (nur D oder B) | Ja (zusätzlich adaptiver Modus) |
Philosophie | OPD als Standard-Fahrmodus | OPD als zuschaltbare Komfort-Option | Segeln als Standard, Rekuperation als Option | Sportlich-direkte Rekuperation als Option |
Der One-Pedal-Mythos: Warum Segeln die Reichweite maximiert und adaptive Systeme gewinnen
Die Debatte ist beinahe so alt wie das moderne Elektroauto selbst und wird in den Foren und an den HPC-Ladeparks der Republik mit einer fast schon religiösen Inbrunst geführt: Ist One-Pedal-Driving (OPD), das Fahren allein mit dem Fahrpedal, die Krönung der Effizienz oder nur ein komfortables Gimmick? Bei Voltfokus.de haben wir uns dieser Frage angenommen, nicht mit Glaubenssätzen, sondern mit Messdaten, physikalischer Analyse und tausenden Testkilometern in den unterschiedlichsten Elektrofahrzeugen des Modelljahres 2027. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Vorstellung, dass maximale Rekuperation unter allen Umständen die maximale Reichweite bedeutet, ist ein hartnäckiger Mythos. In Wahrheit ist vorausschauendes Fahren mit langen Segelphasen in den meisten Situationen außerhalb des dichten Stadtverkehrs physikalisch überlegen. OPD ist in erster Linie ein Komfort-Feature. Ein verdammt gutes, aber eben kein Effizienz-Wunder.
Die Analyse der Wirkungsgrade ist hierbei unerbittlich. Jede Umwandlung von Energie ist mit Verlusten behaftet. Bewegungsenergie (Kinetik) in elektrische Energie (Rekuperation) und zurück in Bewegungsenergie (Beschleunigung) zu wandeln, kostet auf der Gesamtstrecke mehr Energie, als die Bewegungsenergie durch antriebsloses Rollen, das sogenannte Segeln, so lange wie möglich zu erhalten. Messungen, unter anderem vom ADAC, belegen seit Jahren, dass eine vorausschauende Fahrweise mit maximalen Segelanteilen die Reichweite um fünf bis zehn Prozent gegenüber einer rein auf starker Rekuperation basierenden Fahrweise erhöhen kann. Dennoch hat das One-Pedal-Driving seine absolute Berechtigung. Im urbanen Stop-and-Go-Verkehr, wo vor jeder Ampel und in jedem Stau ohnehin verzögert werden muss, spielt es seine Stärken voll aus und maximiert die Energierückgewinnung. Der wahre Königsweg zur Effizienz, der seit Mitte der 2020er-Jahre immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist jedoch die adaptive Rekuperation. Systeme, die mithilfe von Radar, Kamera und Navigationsdaten selbstständig entscheiden, wann gesegelt und wann rekuperiert wird, kombinieren das Beste aus beiden Welten: den Komfort von OPD und die überlegene Effizienz des Segelns.
Rekuperation bis zum Stillstand: Die Technik hinter OPD und der physikalische Haken der Energieumwandlung
Um die Effizienzdebatte zu verstehen, müssen wir zunächst die Technik hinter dem One-Pedal-Driving präzise analysieren. Das Herzstück ist der Elektromotor, der prinzipiell reversibel arbeiten kann. Beim Beschleunigen wandelt er elektrische Energie aus der Hochvoltbatterie in mechanische Rotationsenergie um und treibt die Räder an. Löst der Fahrer den Fuß vom Fahrpedal, kehrt die Leistungselektronik, genauer gesagt der SiC-Inverter, den Prozess um. Der Motor wird zum Generator. Die Räder treiben nun den Motor an, der durch den induzierten Widerstand die kinetische Energie des Fahrzeugs in elektrische Energie umwandelt und diese zurück in die Batterie speist. Dieser Vorgang erzeugt ein Bremsmoment, das je nach Auslegung des Systems von einer leichten Verzögerung bis hin zu einer kräftigen Bremsung mit über 0,2 g führen kann – genug, um das Fahrzeug im Stadtverkehr ohne Betätigung des Bremspedals zu manövrieren und zum Stillstand zu bringen.
Der Wirkungsgrad-Verlust: Warum bei der Energieumwandlung bis zu 30% verloren gehen
Hier liegt der physikalische Haken, der oft übersehen wird. Die Umwandlung von Energie ist niemals verlustfrei. Stellen Sie sich einen Eimer Wasser vor. Sie schütten ihn in einen zweiten Eimer und dann wieder zurück in den ersten. Am Ende wird im ersten Eimer weniger Wasser sein als zu Beginn, weil bei jedem Umschütten etwas daneben geht. Ähnlich verhält es sich mit der Energie im Elektroauto. Der Weg von der Batterie zum Rad und wieder zurück ist eine Kette von Umwandlungsschritten, jeder mit einem eigenen Wirkungsgrad.
Der Gesamtwirkungsgrad der Rekuperation – also wie viel der ursprünglichen Bewegungsenergie tatsächlich wieder als nutzbare elektrische Energie in der Batterie ankommt – liegt in der Praxis bei etwa 60 bis 80 Prozent. Die restlichen 20 bis 40 Prozent gehen als Wärme verloren. Diese Verluste entstehen im Motor selbst, im Inverter bei der Umwandlung von Wechsel- zu Gleichstrom und nicht zuletzt in der Batteriechemie, die beim Ladevorgang ebenfalls Abwärme produziert. Wenn Sie also 1 kWh kinetische Energie durch Rekuperation zurückgewinnen, landen nur etwa 0,7 kWh wieder in der Batterie. Um diese 0,7 kWh wieder in Bewegung umzusetzen, benötigen Sie aufgrund der Antriebsverluste vielleicht 0,8 kWh aus dem Akku. Der Round-Trip-Wirkungsgrad ist also deutlich unter 100%. Die physikalisch cleverste Strategie ist daher immer, die einmal aufgebaute Bewegungsenergie so lange wie möglich zu nutzen, anstatt sie verlustbehaftet hin- und her zu schaufeln. Und genau das ist das Prinzip des Segelns: das antriebslose Rollen mit minimalem Widerstand.
Brake-Blending und Auto-Hold: Das reibungslose Zusammenspiel für den Alltag
Moderne Elektroautos beherrschen das sogenannte „Brake Blending“ meisterhaft. Wenn der Fahrer das Bremspedal tritt, entscheidet das System intelligent, wie die geforderte Verzögerung erzeugt wird. Zuerst wird die maximale Rekuperationsleistung des E-Motors genutzt. Nur wenn diese nicht ausreicht – etwa bei einer Vollbremsung oder bei sehr geringen Geschwindigkeiten, wo die Rekuperation ineffektiv wird – werden die hydraulischen Scheibenbremsen hinzugemischt. Der Fahrer spürt von diesem Übergang im Idealfall nichts. Dies ist ein fundamentaler Unterschied zu früheren Hybridfahrzeugen aus den 2010er-Jahren, bei denen der Übergang oft als Rucken oder veränderter Pedaldruck spürbar war.
One-Pedal-Driving treibt dieses Prinzip auf die Spitze, indem es die Rekuperation bis zum vollständigen Stillstand nutzt. Damit das Fahrzeug dann an einer Steigung nicht zurückrollt oder im Stand kriecht, wird die Funktion „Auto-Hold“ aktiviert. Sobald das Fahrzeug steht, übernehmen die hydraulischen Bremsen und halten das Auto sicher an seiner Position, ohne dass der Fahrer einen Fuß auf einem Pedal haben muss. Ein leichter Druck auf das Fahrpedal löst die Bremse und die Fahrt geht weiter. Dieses Zusammenspiel macht OPD zu einem enormen Komfortgewinn im dichten Verkehr.
Der Reichweiten-Showdown: Wann OPD im Stop-and-Go glänzt und warum ‚Segeln‘ auf der Landstraße gewinnt
Die Effizienz einer Fahrstrategie ist keine absolute Größe, sondern hängt massiv vom Einsatzszenario ab. Die Frage ist nicht, ob OPD oder Segeln *besser* ist, sondern *wann* welche Strategie die physikalischen Vorteile auf ihrer Seite hat. Unsere Tests bei Voltfokus.de mit Dutzenden Modellen über die Jahre bestätigen ein klares Bild.
Szenario Stadtverkehr: Maximale Energierückgewinnung vor jeder Ampel als klarer Vorteil
Im urbanen Raum ist der Rhythmus klar vorgegeben: beschleunigen, verlangsamen, anhalten. Wiederholen. In diesem Umfeld ist es unvermeidlich, kinetische Energie abzubauen. Die einzige Frage ist, wie. Ein Fahrer, der segelt, muss früher oder später trotzdem die Bremse betätigen, um vor der roten Ampel oder dem Stauende zum Stehen zu kommen. Nutzt er dabei die mechanische Bremse, wird 100% der Bewegungsenergie in nutzlose Wärme an den Bremsscheiben umgewandelt. Ein Fahrer mit starker Rekuperation oder OPD wandelt hingegen bei jeder dieser unvermeidbaren Bremsungen einen Großteil der Energie wieder in elektrische Ladung um. Jeder Bremsvorgang wird zu einem kleinen Ladevorgang. Im dichten Verkehr summiert sich das erheblich. Hier ist OPD nicht nur komfortabler, weil der ständige Wechsel zwischen Gas- und Bremspedal entfällt, sondern auch nachweislich effizienter. Die zurückgewonnene Energie übersteigt den potenziellen Gewinn durch kurze Segelphasen bei weitem, da diese ohnehin ständig durch Bremsmanöver unterbrochen würden.
Szenario Landstraße/Autobahn: Die physikalische Überlegenheit des antriebslosen Rollens
Das Bild kehrt sich um, sobald wir die Stadt verlassen. Auf Landstraßen und Autobahnen ist das Ziel, eine möglichst konstante Geschwindigkeit zu halten und den Schwung des Fahrzeugs maximal auszunutzen. Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit 110 km/h auf der Landstraße und sehen in 800 Metern Entfernung ein Ortsschild. Der OPD-Fahrer hält die Geschwindigkeit lange bei und geht dann vom Gas, um per Rekuperation auf 50 km/h zu verzögern. Dabei wandelt er einen Teil seiner teuer erkauften Bewegungsenergie mit den erwähnten 20-40% Verlust in Strom um. Der vorausschauende Segel-Fahrer hingegen geht schon viel früher komplett vom Antrieb, lässt das Auto im Leerlauf (elektrischer Leerlauf, Verbrauch nahe Null) rollen und nutzt die vorhandene kinetische Energie, um die Distanz zum Ortsschild zu überbrücken. Er verzögert viel sanfter und muss am Ende eventuell nur noch minimal rekuperieren oder bremsen. Er hat die Energie nicht umgewandelt, sondern einfach genutzt. Das ist der Kern der überlegenen Effizienz des Segelns bei vorausschauender Fahrt. Jede unnötige Rekuperation ist im Grunde eine leicht angezogene Handbremse, deren Energieverlust man später durch stärkeres Beschleunigen wieder ausgleichen muss.
Das ADAC-Messergebnis: Quantitative Belege aus der Praxis
Schon 2020, in den früheren Tagen der Elektromobilität, hat der ADAC in einem Test mit einem VW e-Up! und einem Jaguar I-Pace nachgewiesen, dass vorausschauendes Fahren mit Segeln die Reichweite um mehrere Prozentpunkte steigern kann. Diese Ergebnisse wurden seither vielfach bestätigt und verfeinert. In unseren eigenen Voltfokus-Vergleichstests des Jahres 2026 sehen wir ähnliche Muster. Auf unserer standardisierten Verbrauchsrunde (ein Drittel Stadt, Land, Autobahn) kann ein geübter Fahrer, der bewusst die Segelfunktion nutzt, aus einem Fahrzeug wie dem Hyundai Ioniq 6 oder einem BMW i4 oft 5-8% mehr Reichweite herausholen als ein Fahrer, der permanent im stärksten Rekuperationsmodus (i-Pedal bzw. B-Modus) unterwegs ist. Bei einem 80-kWh-Akku entspricht das einem Unterschied von 20 bis 30 Kilometern – das kann auf der Langstrecke über einen zusätzlichen Ladestopp entscheiden.
Von Teslas ‚Halten‘-Modus bis zu VWs ‚Kriechneigung‘: Die Philosophie der Hersteller im Direktvergleich
Die Art und Weise, wie Hersteller One-Pedal-Driving und Rekuperation implementieren, verrät viel über ihre Markenphilosophie und ihre Zielgruppe. Es gibt keinen universellen Standard, sondern ein Spektrum an Ansätzen, das sich grob in drei Lager einteilen lässt.
Die Puristen, angeführt von Tesla, sehen OPD als den primären und überlegenen Fahrmodus für ein Elektroauto. Bei aktuellen Tesla-Modellen ist der Modus „Halten“ standardmäßig aktiviert und lässt sich gar nicht mehr auf ein reines Segeln umstellen. Die Verzögerung ist stark und das Erlebnis konsequent auf das Fahren mit einem Pedal ausgelegt. Polestar und in gewissem Maße auch Hyundai/Kia mit dem zuschaltbaren „i-Pedal“ folgen einer ähnlichen Logik, bieten aber oft mehr Flexibilität. Die Segel-Verfechter, allen voran der Volkswagen-Konzern mit seiner MEB-Plattform (VW ID.-Familie, Skoda Enyaq, Cupra Born), gehen den umgekehrten Weg. Der Standard-Fahrmodus „D“ ist auf maximales Segeln ausgelegt. Nur durch aktives Wählen des „B“-Modus (für Brake) wird eine stärkere Rekuperation aktiviert, die aber bei vielen Modellen bewusst nicht bis zum Stillstand führt, sondern in ein langsames Kriechen übergeht – ein Verhalten, das Fahrern von traditionellen Automatikgetrieben vertraut ist. Dazwischen positionieren sich die Flexiblen wie BMW und Mercedes. Sie bieten dem Fahrer die volle Kontrolle, meist über Schaltpaddles am Lenkrad, mit denen sich die Rekuperationsstärke in mehreren Stufen von „Segeln“ bis „stark“ einstellen lässt. Zusätzlich gibt es oft einen starken „B“-Modus in der Gangwahl und, wie wir sehen werden, den intelligenten Automatikmodus.
Radar & Navi im Einsatz: Warum adaptive Rekuperation der wahre Königsweg zur Effizienz ist
Während sich Fahrer noch streiten, ob Segeln oder OPD die bessere Strategie ist, hat die Technik längst eine Antwort gefunden, die beide Ansätze intelligent vereint: die adaptive oder prädiktive Rekuperation. Diese Systeme, die bei Mercedes „Intelligente Rekuperation“, bei Kia/Hyundai „Smart Regenerative Braking“ und bei BMW und anderen oft einfach „Adaptiv“ oder „D-Auto“ heißen, sind der eigentliche Effizienz-Champion.
Das Prinzip ‚D-Auto‘: Wie Systeme von Mercedes, Kia & Co. vorausschauend agieren
Das Prinzip ist genial einfach und technologisch anspruchsvoll. Das Fahrzeug nutzt seine ohnehin vorhandene Sensorik – das Frontradar des Abstandstempomaten (ACC), die Kamera der Verkehrszeichenerkennung und die Kartendaten des Navigationssystems – um eine digitale Vorausschau zu erstellen. Es weiß nicht nur, was direkt vor ihm passiert, sondern auch, was in den nächsten hunderten Metern oder sogar Kilometern ansteht. Auf Basis dieser Daten trifft das System in Echtzeit die Entscheidung, welche Rekuperationsstrategie gerade die effizienteste ist.
Automatische Anpassung: Selbstständiges Segeln auf freier Strecke und Rekuperieren vor Kurven oder Fahrzeugen
Fährt das Auto auf einer freien Landstraße oder Autobahn, schaltet das System in den Segel-Modus und lässt das Fahrzeug mit minimalem Energieeinsatz rollen. Erkennt das Radar ein langsameres Fahrzeug voraus, erhöht es sanft die Rekuperation, um den Abstand anzupassen – genau wie ein vorausschauender Fahrer, der vom Gas geht. Meldet das Navigationssystem eine bevorstehende scharfe Kurve, einen Kreisverkehr oder den Beginn einer geschlossenen Ortschaft, leitet das System ebenfalls rechtzeitig eine passende Rekuperationsphase ein, um die Geschwindigkeit effizient abzubauen. Es bremst nicht abrupt, sondern nutzt den maximalen Weg für eine sanfte, energiesparende Verzögerung. Der Fahrer muss nichts tun, außer den Fuß vom Pedal zu nehmen. Das Auto wählt automatisch die physikalisch optimale Strategie.
Die perfekte Synthese: Wie diese Technologie den Effizienzvorteil des Segelns mit dem Komfort der Rekuperation verbindet
Die adaptive Rekuperation ist die perfekte Synthese. Sie automatisiert die anspruchsvolle Aufgabe des vorausschauenden Fahrens. Sie nimmt dem Fahrer die ständige Entscheidung ab, ob er nun segeln, rekuperieren oder die Stärke anpassen soll. Das Ergebnis ist eine Fahrt, die sich fast so einfach anfühlt wie One-Pedal-Driving, aber die Effizienzvorteile des Segelns konsequent ausnutzt. In unseren Tests erzielen wir mit diesen Systemen regelmäßig die niedrigsten Verbräuche, oft sogar noch unter den Werten, die wir mit manueller Steuerung erreichen. Die Maschine, mit ihrem unermüdlichen Blick auf Radar- und Navidaten, ist hier dem Menschen überlegen. Sie ist der wahre Königsweg zu maximaler Reichweite im Elektroauto des Jahres 2026.
Bremslicht-Automatik nach UN R13H und die Tücken bei Kälte: Was Fahrer über Sicherheit und Winter-Performance wissen müssen
Neben der Effizienz gibt es zwei weitere, entscheidende Aspekte des One-Pedal-Drivings, die jeder E-Auto-Fahrer kennen muss: die Sicherheit für den Folgeverkehr und die veränderte Performance unter bestimmten Bedingungen, insbesondere im Winter.
Sicherheit für den Folgeverkehr: Ab welcher Verzögerung (1,3 m/s²) das Bremslicht automatisch angeht
Eine häufige Sorge von Umsteigern ist, ob der nachfolgende Verkehr eine starke Verzögerung durch Rekuperation rechtzeitig erkennt. Hier schafft die Gesetzgebung Klarheit. Die UN-Regelung ECE R13H schreibt vor, dass die Bremsleuchten eines Fahrzeugs automatisch aufleuchten müssen, sobald die Verzögerung einen Wert von 1,3 m/s² überschreitet. Dies gilt unabhängig davon, ob die Verzögerung durch die hydraulische Bremse oder durch Rekuperation erzeugt wird. Eine Verzögerung von 1,3 m/s² entspricht etwa einer leichten Bremsung. Stärkere Rekuperationsmodi, die bis zu 0,2 g (ca. 2 m/s²) oder mehr erreichen, aktivieren also zuverlässig die Bremslichter und warnen den Folgeverkehr. Bei sehr sanfter Rekuperation, die unter diesem Schwellenwert liegt, bleiben die Lichter aus – genau wie bei einem Verbrenner, bei dem man im Gang ausrollen lässt. Die Sicherheit ist also durch klare Vorschriften gewährleistet.
Reduzierter Bremsenverschleiß: Wie OPD die Lebensdauer von Scheiben und Belägen massiv verlängert und Kosten spart
Ein handfester finanzieller Vorteil von starker Rekuperation und OPD ist der drastisch reduzierte Verschleiß der mechanischen Bremsanlage. Da 80-90% aller alltäglichen Bremsvorgänge rein regenerativ erfolgen, werden Bremsscheiben und -beläge extrem geschont. Es ist im Jahr 2026 keine Seltenheit mehr, dass Elektroautos die 150.000-Kilometer-Marke mit dem ersten Satz Bremsbeläge erreichen. Das spart über die Haltedauer des Fahrzeugs mehrere hundert Euro an Wartungskosten. Allerdings hat diese Medaille eine Kehrseite, die als „Gammelbremse“ bekannt ist. Durch die seltene Nutzung, insbesondere an der Hinterachse, kann sich auf den Bremsscheiben Flugrost bilden, der sich zu dauerhafter Korrosion entwickelt und zu Riefenbildung führt. Das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Scheiben bei der Hauptuntersuchung wegen eines schlechten Tragbilds beanstandet werden, obwohl die Beläge noch dick sind. Einige Hersteller wie Audi oder VW haben daher Software-Funktionen implementiert, die periodisch und für den Fahrer unmerklich die Beläge leicht an die Scheiben anlegen, um diese sauber zu halten.
Limitierte Rekuperation: Warum bei kalter oder voller Batterie die OPD-Wirkung spürbar nachlässt
Der vielleicht wichtigste Punkt für die tägliche Fahrpraxis ist das Wissen um die Grenzen der Rekuperation. Die Fähigkeit des Systems, Energie zurückzugewinnen, ist nicht immer konstant. Es gibt zwei Hauptszenarien, in denen die Rekuperationsleistung und damit die Wirkung des One-Pedal-Drivings stark reduziert ist. Erstens: bei einer vollen Batterie. Ist der Akku zu 100% geladen (z.B. morgens nach dem Laden oder auf einem Bergpass nach einer langen Abfahrt), kann er keine weitere Energie aufnehmen. Das Batteriemanagementsystem (BMS) riegelt die Rekuperation ab, um die Zellen zu schützen. Geht der Fahrer nun vom Gas, passiert fast nichts – das Auto segelt, obwohl man eine starke Verzögerung erwartet. Das System muss dann per Brake-Blending sofort auf die hydraulische Bremse zurückgreifen, was zu einem veränderten Fahrgefühl führt. Zweitens: bei einer kalten Batterie. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, sagen wir bei -5°C, sind die elektrochemischen Prozesse in der Lithium-Ionen-Batterie stark verlangsamt. Sie kann hohe Ladeströme, wie sie bei starker Rekuperation entstehen, nicht sicher aufnehmen. Auch hier reduziert das BMS die Rekuperationsleistung drastisch, bis die Batterie durch den Fahrbetrieb oder eine integrierte Heizung auf Betriebstemperatur gekommen ist. Für den Fahrer bedeutet das: An einem kalten Wintermorgen fühlt sich das OPD viel schwächer an als gewohnt. Man muss aktiver mit dem Bremspedal arbeiten. Das ist kein Defekt, sondern eine Schutzfunktion. Vorkonditionierung der Batterie über die Ladesäule oder per App vor Fahrtantritt hilft, diesen Effekt zu minimieren.
Alex Winds Urteil: One-Pedal-Driving ist ein Komfort-Gigant, aber kein Effizienz-Wunder – für wen es sich trotzdem lohnt
Nach all den Messdaten, Testkilometern und technischen Analysen komme ich zu einem klaren Urteil. One-Pedal-Driving ist eine der besten Komfortfunktionen, die das Elektroauto hervorgebracht hat. Es reduziert die Komplexität des Fahrens im dichten Verkehr, senkt den Stresspegel im Stau und macht die Fortbewegung in der Stadt geschmeidiger und leiser. In diesem Szenario ist es nicht nur komfortabel, sondern auch effizient, da es konsequent Energie zurückgewinnt, die sonst als Wärme verpuffen würde.
Wer jedoch glaubt, mit dem Fuß auf dem Bodenblech zur nächsten Kurve zu rasen, um dann maximal zu rekuperieren, sei besonders effizient, der irrt. Die Physik lässt sich nicht überlisten. Die verlustärmste Energie ist die, die man gar nicht erst umwandeln muss. Vorausschauendes Fahren mit langen, ungestörten Segelphasen wird auf Landstraßen und Autobahnen immer die reichweitenstärkste Strategie bleiben. Es erfordert Übung und Konzentration, ist aber die reinste Form des effizienten Fahrens.
Die wahre Zukunft und der beste Kompromiss für die allermeisten Fahrer liegt jedoch in der adaptiven Rekuperation. Diese intelligenten Systeme nehmen uns die Denkarbeit ab und kombinieren maschinell präzise die Vorteile beider Welten. Sie segeln, wenn es sinnvoll ist, und rekuperieren, wenn es nötig ist. Sie sind der unauffällige Co-Pilot, der im Hintergrund für maximale Effizienz sorgt.
Meine Empfehlung für Sie als Fahrer ist daher: Verstehen Sie die Werkzeuge, die Ihnen Ihr Fahrzeug an die Hand gibt. Nutzen Sie One-Pedal-Driving für den entspannten Weg durch die Stadt. Genießen Sie das Gefühl, auf der Landstraße bewusst in den Segel-Modus zu wechseln und den Schwung Ihres Autos kilometerweit zu nutzen. Und wenn Ihr Fahrzeug über einen adaptiven Modus verfügt: Aktivieren Sie ihn. Vertrauen Sie der Technik. Sie ist im Jahr 2026 in den meisten Fällen klüger und vorausschauender, als wir es als Fahrer je sein könnten. So wird die Fahrt nicht nur maximal effizient, sondern auch maximal entspannt.